Untersuchung über den Reichtum der Nationen

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von Endre Bárdossy

Gleichgestimmt lautet die Eudemische Ethik, die von Aristoteles' Schüler EUDEMOS als Vorlesungsmitschrift aufgezeichnet worden ist.

Die aristokratische Light-Bauweise des Lehensstaates funktionierte mit dem Prinzip der möglichst geringen Anstrengungen für die Oberschicht. Worauf es ankam, war nicht die mit Verschleiß und Wettbewerb, Kosten und Nutzen verbundene, selbständige Unternehmer- und Gewerbetätigkeit. Bei gleichzeitiger Verkümmerung der Tauschverhältnisse wirkte die platonische Staatsidee an der Ausbildung der feudalen, austeilenden Gerechtigkeit von Grund und Boden, Pfründen (lat. praebenda), Privilegien und Erbschaften nach politisch-militärischen Rang- und Verdienstordnungen kräftig mit. Und dies freilich im strengen Verhältnis – auf Treu und Glauben – zur hierarchischen Ordnung der zentral angelegten Macht.

Im Vergleich dazu, die kommutativen Beziehungen der liberalen Kaufmannschaft blühten weniger im heimatlichen Mazedonien des ARISTOTELES, sondern vielmehr in zahlreichen griechischen Stadtstaaten und ihren Kolonien jeweils vom frischen Wind der Litorale, später in Rom, Venedig, Genua, Florenz, auch in den Hansestädten der Nordküste, in den Niederlanden und auf den Britischen Inseln.

PLATONS neurotisch gespaltene Seele und die ländlich-sittliche Bodenständigkeit des ARISTOTELES, aus der entlegenen Provinz Mazedonien im Norden Griechenlands, erwiesen wenig Gunst der weltmännischen Liberalität, die immer schon an den Küsten der Meere und den Ufern der großen Ströme zuhause war. Die Triumphzüge des mazedonischen Königs, ALEXANDER des Großen, der von ARISTOTELES erzogen worden war, im Besonderen

  • die Niederwerfung der freien Städte Griechenlands,

  • der Sieg über Darius' Truppen in Persien (334-333 v.Chr.),

  • die Gründung von Alexandrien in Ägypten (332),

  • die Eroberungen des Panhellenismus vom Brand Persepolis' (330) bis zum Indus, dem großen Strom von 3000 km Länge aus Tibet über Pakistan bis zum Arabischen Meer,

alle diese «Großtaten» vergingen unmittelbar mit seinem Tod während eines seiner unzähligen Feldzüge in Babylonien, da sein end- und maßlos scheinendes Reich nicht auf Handelsflotten, sondern auf Generäle aufgebaut worden war. Diese verteilten dann auch den Rest unter sich. War das eine Vorwegnahme dessen, warum das Englische und nicht das Spanische Weltsprache geworden ist? Warum Angloamerika und nicht Hispanoamerika an der Spitze der Welt von heute steht? Warum Österreich-Ungarn vorgestern mit dem höflichkeitshalber seliggesprochenen, aber unfähigen Kaiser Karl an der Regierung auseinandergefallen ist? Es gibt Beispiele ohne Zahl dazu, wer nicht liberal genug, handelsfähig und geschäftstüchtig ist, der soll sich nicht beklagen:

  • Philipp II von Spanien (1567) hatte das Projekt einer Wasserverbindung vom Atlantik zum Pazifik abgebrochen, mit der Begründung: «Was Gott verbunden hat, soll der Mensch nicht trennen!» Auch Philipp IV verzichtete auf den Plan der Schiffbarmachung der Madrider Flüsse aus derselben Bigotterie. Die Wendung zum Meere legten sich die Engländer technisch und kaufmännisch geschickter zu: Den nackten Wilden Kleider zu verkaufen, sei es auch nur im Tauschverkehr, fördert die heimische Textilindustrie!

  • Auch die k.u.k. Uniformen Ungarns erinnern mich an diese «schöne» Unfähigkeit: Die unvereinbare Stromstärke unserer Flüsse Duna-Tisza-Dráva-Száva war ein drastisches Ungenügend in Geschichte, Geographie, Wirtschaftskunde und in der Praxis der Kardinaltugenden. Es ist nicht leicht zu bekennen: Ungarn betrieb keine maßvolle Politik mit seinen Minderheiten wie Kroaten, Serben, Schwaben, Slowaken, Rumänen, Rutänen, die vor dem Weltkrieg bereits auf die beträchtliche Anzahl von 51% angewachsen sind. Waren wir auch unklug, ungerecht und mutlos? Vermutlich schon. Wohin unsere «Flotte der Liberalität» nicht gelangen konnte, dort zündete sich unser Weltkrieg an.

ARISTOTELES unterschied die Hausverwaltung (oikonomia/oiko-nomía) im Bereich der Güterwirtschaft von der unmoralischen Geldwirtschaft (crematistikh/chrematistiká)40. Damit nahm er in genialer Voraussicht die Doppelbegriffe von Mikro- und Makroökonomie, Betriebs- und Volkswirtschaftslehre, Gemeinschaft und Gesellschaft vorweg, erlag jedoch einer für die katholische Soziallehre bis heute folgenschweren Spitzfindigkeit:

«Eine der Erwerbsformen gehört naturgemäß zur Hausverwaltung, insofern wir mit ihrer Hilfe jene eingelagerten Güter zu unserer Verfügung verschaffen, oder zumindest versuchen müssen, sie zu verschaffen, die für das Leben nötig und für die Hausgemeinschaft nützlich sind. Jedenfalls diese Güter stellen den wahren Reichtum dar, kraft der nicht unbegrenzten Menge, die für ein gedeihliches Leben zureichend anzusehen ist, zu Unterschied der anderen Erwerbsform, auf die sich Solons Spruch bezieht "Es gibt keine Grenze für den Reichtum, bestimmt durch das Menschenwesen". - - - Es gibt also eine zweite Erwerbsart, die wir speziell und rechtens Chrematistik [Geldverdienen] heißen möchten. Und dieser zufolge glaubt man, dass Reichtum und Eigentum keine Grenzen haben. Dank ihrer Verwandtschaft mit der erst besprochenen Art und Weise, denken viele, beide seien ein und das Selbe. Keineswegs sind sie jedoch identisch, obwohl sie auch nicht weit entfernt auseinander fallen. Die erste ist, in der Tat, naturgemäß, während die andere nicht natürlich, sondern vielmehr das Produkt einer gewissen Erfahrung und Kunstfertigkeit ist»41.

Eine Bereicherung durch Gewinn bringende Erwerbstätigkeit und Zinsrechnung wird somit verpönt und ein möglicher Verlust durch den gerechten Tausch ausgeschlossen. Dabei wird das Scheinargument ins Treffen geführt, dass nur jene Aktion logisch und moralisch für den Verbraucher zulässig sei, die für die Bedarfsdeckung einer ordentlichen Hauswirtschaft nützlich und lebensnotwendig ist. Der «Natur» angemessen wäre die Vermarktung von Konsumgüter nur dann, wenn der Verkäufer mit dem Erlös wieder Konsumgüter für den Verbrauch im eigenen Haushalt einkaufen würde:

Bei dieser Argumentation liegt ein Trugschluss auf die Fangfrage «die Henne vor dem Ei» oder «das Ei vor der Henne» vor, da beide Ketten durch einfache Wiederholung mit der Zeit identisch werden:

  • Ware–Geld–Ware–Geld–Ware–Geld–Ware–Geld– Ware–
  • Geld–Ware–Geld–Ware–Geld–Ware–Geld–Ware–Geld–

ARISTOTELES' Befürchtung der unbegrenzten Habgier widerspricht seiner Mesoteslehre, ist aber in der Tauschwirtschaft von Gebrauchsgütern unter «sittsamen» mazedonischen Bauern genauso möglich und verwerflich wie in der Geldwirtschaft unter Händlern der «verdorbenen» Großstädte. Es dürfte sie schon damals, zahlreicher als es ARISTOTELES genehm war, gegeben haben, sehr zu Unwillen der rustikalen Moral- und Gesellschaftsverfassung. Im Gefolge des Stagiriten blieb diese primitive Soziallehre ein kontinentaler Hemmschuh für die Entwicklung der gesamten Geldwirtschaft weit in die Neuzeit hinein. Das fraglose Hängenbleiben am Zipfel des kanonischen Zinsverbots und an


40 Politica I, 3, 1258a 1-2; Ethik für Nikomachos V, 8 1133b 15-18
41 Politica I, 3, 1970a

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