Untersuchung über den Reichtum der Nationen

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von Endre Bárdossy

verarbeiten, zusammen mit der Polarisierung geschlossener Ideensysteme zu dem geworden, was uns unbedingt angeht15.

SCHLEGEL16 konnte jedenfalls noch 1795 festhalten, dass «im Gemüthe des Sophokles die göttliche Trunkenheit des Dionysos , die tiefe Erfindsamkeit der Athene, und die leise Besonnenheit des Apollos gleichmäßig verschmolzen» waren. NIETZSCHES Abkehr vom olympischen Hauptgott Apollo ist nicht nur ein radikales Abstandnehmen vom klassischen Humanismus, sondern im Besonderen auch von seiner christlichen Überlieferung als einem degenerierten «Platonismus fürs Volk». Bei Kenntnis von NIETZSCHES Lebenswandel ist es jedoch einleuchtend, dass die überaus starke Fixierung von Dionysos am Ort seiner Neurose vorwiegend der unerwiderten Liebe zu Richard Wagners zweiter Ehefrau, Cósima Liszt, zugeschrieben und damit klinisch erklärt werden kann.

Die darüber hinausgehende kollektive Zuwendung zu den Dionysien wurde zum eigentlichen Religionsersatz der modernen Wohlstandsgesellschaft. Das geschah nicht mehr wie früher, in der göttlichen Trunkenheit «zum Ausschlafen» oder im Exzess eines straffälligen «Außenseitertums». Häresien und Schismen waren noch irgendwie in Form einer strengen Verurteilung abzuheilen. Der Verlust der Mitte vollzog sich aber auf breitester Skala in voller außerkanonischer Ekstase bis zum sprachlosen Auseinanderfallen der überlieferten Werte.

SEDLMAYR beklagte eindringlich diesen Verlust des ethisch-ästhetischen Maßes und des inneren Zusammenhangs der geistigen Persönlichkeit als Anzeichen des XX. Jahrhunderts dafür, dass Kunst, Wissenschaft, Politik, Gesellschaft vom Menschlichen fortstreben, unter den Mottos:

Die Mitte verlassen
heißt die Menschlichkeit verlassen.
Pascal
Alle Mitten sind zerbrochen, und
es gibt keine Mitte mehr.
Majakowski

Im Zuge der so genannten Bewältigung der Vergangenheit kann man sich auch über SEDLMAYR zynisch verbreiten. Als die Illusion des nationalen Sozialismus zerstoben war und sich als moralische Hypothek erwiesen hatte, blieb SEDLMAYRS Ordo-Denken «...durch diese Ereignisse unerschüttert, aber er kehrte jetzt wieder zu seinen katholischen Ausgangspositionen zurück. In dem von Angst und Schuld erfüllten Klima der Nachkriegsjahre nahm sein Krankenbericht apokalyptische Züge an. Aber diese Zeitstimmung sicherte seinem Buch auch einen beispiellosen Erfolg. Der Titel Verlust der Mitte wurde zu einem Schlüsselbegriff - - - Der Kunsthistoriker Sedlmayr schien nun tatsächlich der Pathologe zu sein, der wie kein zweiter die Krankheit des Zeitalters zu diagnostizieren vermochte. Eine nach Entschuldung verlangende Leserschaft griff begierig nach seinem Buch, das Auflagenhöhen erreichte wie kaum je eine andere kunsthistorische Publikation zuvor»18.

Umberto Eco's Buchbesprechung (1967) über den «Verlust der Mitte» unter dem frech-albernen Titel «Vom Cogito Interruptus» ist eine obszöne Pointe-Hascherei: Cogito... (ergo sum) wäre die Verstümmelung von Descartes' Satz «Ich denke, also bin ich». Aber der Coitus...interruptus eignet sich nur dann «vorzüglich, den Kunsthistoriker Sedlmayr methodisch zu charakterisieren»19, wenn das attische Salz zu dumm wird!

Triviale Vorwürfe belegen ihr Gegenteil, wiewohl man SEDLMAYR in Bezug auf den Untergang der großen Überlieferung nur zustimmen kann, auch und geradezu wenn er MAJAKOWSKIS schmerzverzerrten Schrei inmitten der Wirrnisse des Unmenschlichen bereits als knapp 30 jähriger NSDAP-Mitglied vernommen hat. Zu dieser Zeit jubelte Österreich noch dem Anschluss zu. HAYEK und POPPER waren am Anfang ihres Denkweges sogar Sozialdemokraten im Roten Wien. Was auch nicht wenig heißt. So genannte «Nazis» wie Heidegger, Sedlmayr oder Konrad Lorenz beweisen, dass nicht alles Schmutz sein muss, was dem «heutigen» Zeitgeist ungelegen ist. Die Freundschaft zwischen Heidegger und Jaspers, Husserl und anderen Juden, genauso zwischen Konrad Lorenz und seinem «Spezi» Karli Popper20 beweist, dass die wirklich großen Männer fähig sind, selbst über die ideologischen Hypotheken hinweg, dem menschlich Allzumenschlichen nahe zu bleiben. Die Irrtümer der großen Denker sind auch groß. Nur sauer gewordene Kleingeister können sich darüber moralisierend aufregen.

SEDLMAYR kann man den Vorwurf apokalyptischer Züge nur machen, wenn man selber die Apokalypse nicht gründlich studiert hat. Jede Schwarzseherei ist nämlich der Apokalypse und dem Denkenkönnen der Mitte überhaupt entrückt. Die Dramatik bei JOHANNES bezieht sich nicht auf die ewigen Nörgler und Verlierer, sondern viel mehr auf den Sieger: «...dem will ich ein weißes Steinchen geben und auf dem Steinchen einen neuen Namen schreiben, den niemand weiß als der Empfänger»21. Während und nach der exzentrischen Entwurzelung hat das Hochwasser der trüben Flüsse doch neue Steinchen gewälzt. Und auf dem fruchtbar gemachten Schwemmboden aus Lehm und Leid sind neue Namen und neue Haarwurzeln des Überlebens gewachsen. Die endgültig verloren geglaubte Mitte hat sich ungedachte Bahnen und Formen geschaffen. Auch in MAJAKOWSKIS Land. Niemand hat es für möglich gehalten. Auch die Überklugen waren dafür nicht gescheit genug. Als Hoffender wider alle Hoffnung, SEDLMAYR war durch und durch ein Vertrauter der Zukunft und gegen das Ende zu rief er ungebrochen aus: «Wir stehen an einem Anfang»22.

«Willst du ein Mensch der Zukunft sein, du Mensch der Gegenwart, so vergiss nicht in den rauchenden Trümmern deinen Vater ANCHISES und die heimischen Götter. Sie brauchten damals einen frommen Helden, der sie nach Italien hinübertrug, ihm aber und seinem Geschlecht konnten sie nur Italien und die Herrschaft der Welt geben. Unser Heiligtum ist aber größer als Troja, und unser Weg führt weiter als nach Italien und weiter als um das ganze Erdenrund. Der Retter rettet sich selbst. Das ist das Geheimnis des Fortschritts; ein anderes gibt es nicht und wird es auch nicht geben»23.


15 Tillich, Paul. 1961. Wesen und Wandel des Glaubens. Ullstein 318. «Glaube ist, was uns unbedingt angeht» – dieser Definition gemäß gibt es keinen Menschen, der nicht glauben würde, wenigstens an den Erfolg, die Nation oder einen Heiligen Baum... Es gibt auch beinahe kein Ding auf der Welt, das nicht auch schon Gegenstand eines Glaubenskultes geworden wäre.
16 Friedrich Schlegel, zusammen mit seinem Bruder August Wilhelm, war Begründer der romantischen Zeitschrift Athenäum.
17 Über das Studium der griechischen Poesie. Hg. Hankamer 1947, 133. Anmerkungen: Dionysos (Bacchus) war Sohn von Zeusvater (Jupiter) und als Wein- und Fruchtbarkeitsgott das Sinnbild der ekstatischen Hingebung ans Leben. Dionysien waren rauschende Feste zur Lesezeit. Athene (Minerva), die Tochter kam aus dem Hirn des Zeus hervor und war die Göttin der Denkenden, Künstler, Wissenschaftler und Krieger. Apollon war ebenfalls Sohn des Zeus als das göttliche Bild des Lichtes und der schönen Künste.
18 Sauerländer, Willibald. 1999. Geschichte der Kunst – Gegenwart der Kritik. DuMont, Köln. 231
19 Sic! Sauerländer 232
20 Cf. Taschwer, Klaus. Was es heißt, Arbeiter zu sein. Zum 10. Todestag von K. Popper. In: Presse 11.9.2004. Lorenz war Inhaber des Königsberger Kant-Lehrstuhles in der NS-Zeit. Popper wiederum war Heimatvertriebener aus dem selben NS-Motiv, aber mit entgegengesetztem Vorzeichen. Im Kindesalter waren sie Spielkameraden. Es wird u.a. die Anekdote zum besten gegeben, dass eines Tages Lorenz einen offiziell gehaltenen Brief an «Dear Sir Karl...» richtete, nicht ahnend, dass der weltberühmt gewordene Sir der ehemalige Freund war. Im Antwortschreiben hieß es dann: «Lieber Konrad, du scheinst nicht zu wissen, dass ich der Karli Popper bin...»
21 Apokalypse 2,17
22 Chr. Morgenstern
23 Solowjow, Wladimir. Das Märchen vom Fortschritt. In: Ausgewählte Werke. Bd I. Jena 1914, andere Bände Stuttgart 1916-22. Anmerkung: Anchises war trojanischer Prinz. Sein Sohn Äneas war Stammvater Roms und Held der Äneiden, eines epischen Gesangs, in dem VERGIL Äneas' Fährnisse nach dem Brand Trojas sowie den Einzug der Troer nach Italien erzählt und die Gründung Roms verkündet.

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