Untersuchung über den Reichtum der Nationen

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von Endre Bárdossy

§ 2 Aufgaben, die sich aus der Hypothese ableiten

Es steht uns dringend an, dem nachzudenken,

  • ob der sozioökonomische Erfolg in der Tat von der Einübung von so Widersprüchlichem, so Elegantem, so Akrobatischem, so sehr sich gegen die Natur Sträubendem strukturell abhängig ist,

  • ob das hübsche Ding der Liberalität in Frage stehen kann, nur weil sie zu anstrengend ist,

  • ob die Wähler an den Urnen, die Regierenden an der Macht, die Wirtschaftstreibenden bei ihrer Geschäftigkeit, d. h. die Leute im Leben überhaupt zum Verlassen dieser seltenen Sache neigen, nur weil sie zu kompliziert ist?

Nach diesem Grundsätzlichen interessiert es uns des Weiteren, inwieweit die aufgestellte Arbeitshypothese mit dem Werk des bekanntesten «Freiheitsdenkers aus Österreich»6, Friedrich August von HAYEK, in Einklang steht oder in Einklang gebracht werden kann? Warum er in seiner Heimat gerade nicht so beliebt und anerkannt ist? Warum seine Denkart wenig bis gar nicht funktioniert in Randkulturen, etwa in Argentinien, obwohl es seiner Herkunft nach beinahe ein europäisches Land sein könnte? Argentinien wird zu mehr als 90% von 35 Millionen Einwanderern aus Spanien und Italien und ihren Nachkommen besiedelt. Dieses enorm weite Land hatte praktisch nie eine Urbevölkerung, und die restlichen 10% sind Gastarbeiter und zugewanderte Arbeitslose aus Bolivien.

Lässt sich das Hayek'sche Ideengut in Ostdeutschland, in der Türkei, im Nahen Osten, in mosaikartigen Völkerteppichen des Kaukasus oder vor den Toren Wiens auf dem Balkan zur Anwendung bringen? Kann man in den Geschlossenen Gesellschaften unterentwickelter Länder die bodenständige Wirtschaftsweise, Erziehung und Moral liberalisieren? Hat Religion und ethisches Bewusstsein mit dem Sozialen Ingenieurwesen etwas zu tun?

Es scheint klar zu sein, dass wir vorerst nicht allen Fragen im Handumdrehen auf den Grund gehen können. Ich stehe am Beginn meines Vorhabens, auf das ich anspiele. Umso dankbarer bin ich, wenn Sie mir Gehör schenken, wenn wir zusammen Zweifel ausräumen oder gerade welche aufreißen, denn nur im Dialog kann eine dermaßen «anstrengende und komplizierte» Aufgabe riskant widerlegt oder vorläufig bis auf weiteres im Amt belassen werden.

I. TEIL: ÜBERSICHT ÜBER DAS VIERGESPANN DER KARDINALTUGENDEN

W enn man in einer Quizsendung nach den «Vier Haupttugenden» fragen würde, äußerst selten, wenn überhaupt bekämen wir die richtige Antwort: «Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Besonnenheit». Bei einem kurzen Test erhält man nur vage Vermutungen wie Glaube, Liebe, Hoffnung zu hören, plus Treue, Standhaftigkeit, Ausdauer oder ähnliches als Draufgabe damit sie «vier» werden. Ein solches Danebentippen kommt auch nur bei aktiven Christen zustande, die sich noch der drei theologischen Tugenden erinnern können. Bei anderen ist von gar nichts mehr zu reden, da ihnen hinsichtlich einer solchen müßigen Frage überhaupt kein fertiges Schema einfällt oder sie auch nichts zu erfinden wüssten. Dabei wird man beim Aufschlagen des zwölfbändigen HISTORISCHEN WÖRTERBUCHS DER PHILOSOPHIE7 über den Materialreichtum des vorchristlichen Viergespanns staunen können.

Die ungeheuren semantischen Schwierigkeiten fangen schon damit an, dass das Wort «Tugend» im zeitgenössischen Sprachgebrauch beinahe vollständig durch die Wortgruppe von subjektiven «Werten, Bewerten, Werturteilen» ersetzt worden ist. Man erwartet heute, diese subjektiven Werturteile im wertfreien (den es sowenig gibt, wie einen völlig luftleeren) Raum von den objektiven Sachurteilen trennen zu können. Eine verheerende Forderung, diese Vakuumverpackung der Seele! Wir verdanken sie Max WEBER. In seinem Gefolge haben wir eine ganze Generation erzogen, die «von allen Dingen den Preis, aber von keinem mehr den Wert kennt» (Oscar Wilde).

In der Schulausgabe des Österreichischen Wörterbuches8, dem Stichwort «Tugend» folgen nur der scherzhafte Tugendbold, die frömmelnde Tugendhaftigkeit & Tugendsamkeit, und die abwertenden Tugendwächter & Tugendwächterinnen...

Die von NIETZSCHE proklamierte «Umwertung aller Werte» hat ebenfalls dazu beigetragen, dass wir im Allgemeinen nicht mehr wissen können, wovon die Rede sei. THOMAS VON AQUIN erachtete die Klugheit als «Gebärerin»9 aller übrigen Tugenden. Er hielt den unklug Handelnden in seiner Unwissenheit für keiner wie immer gearteten Tugend fähig. Es trifft schon irgendwie zu: In der Dämmerung kann man weder gerecht noch tapfer sein – wofür und wogegen eigentlich auch? THOMAS fügte klar und deutlich hinzu: «Eine jede Tugend heißt Kardinaltugend, und wird gewissermaßen als Haupttugend betrachtet, wenn in ihr die anderen Tugenden befestigt sind wie die Tür in der Angel»10.

§ 3 Besonnenheit und Maß11

Griech. swfrosunh (sophrosýna), lat. temperantia (Maßhalten, Selbstbeherrschung)

D er herkömmliche Sinn von Maßhalten und Selbstbeherrschung beruhte bei den Griechen in allen Dingen auf der kosmischen Ordnung der Natur. FusiV /phýsis bedeutet nicht nur die schöne Natur im Lungau oder die Bio-Welle im Supermarkt, sondern die unversehrte Ganzheit aller angeborenen Fähigkeiten, Talente, Begabungen des Menschenwesens, das so ziemlich nackt auf der Bühne der Welt erscheint. Mit Nacktheit beziehe ich mich sowohl auf das kleine Lebewesen (zwon //zóon) wie auch auf das Dasein,


6 Welan, Manfried. 1992. Ein Freiheitsdenker aus Österreich: F. A. von Hayek. Universität für Bodenkultur Wien.
7 Hist.Wb.Phil. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Darmstadt. 1971-2001
8 Im Auftrag des Bundesministeriums für Unterricht und Kulturelle Angelegenheiten. Wien. 381997
9 Prudentia dicitur genitrix virtutum / Von der Klugheit wird behauptet, Gebärerin der Tugenden zu sein. Sent. Petr. Lombard, 3, d. 33, 2, 5 – ein äußerst verworrener Satz für heutige Begriffe: Was heißt schon «Gebärerin der Tugenden»?!
10 Virtus aliqua dicitur cardinalis, quasi principalis, quia super eam aliae virtutes firmantur, sicut ostium in cardine. De virt.1,12-24; ähnlich III Sent. 33, 2, 1, 2 c
11 Hist.Wb.Phil. Bd.1, 848

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