Das Leiden zwischen Schein und Sein

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von Dr. Anton Szanya

Ewald Stadler – Der letzte(?) Aufrechte der Völkischen

Die Personen, von denen bisher die Rede war, sind bereits achtzig bis neunzig Jahre tot, und man sollte meinen, dass auch ihre Vorstellungen und Ideologien den Weg alles Irdischen gegangen wären. Dass dem nicht so ist, wurde am 21. Juni 2002 wieder einmal – zum wievielten Mal eigentlich? – bewiesen.

Da sammeln sich Menschen, die sich für vernünftig halten, in heidnischer Weise um einen Scheiterhaufen, um ein Ereignis zu feiern, das mit naturgesetzlicher Notwendigkeit ohnehin eintreten musste. Dann tritt ein völkischer Anwalt vor und stellt mit seinen ersten Worten einen geistigen Zusammenhang mit „Kelten und Germanen“61 her. Fest auf dem Boden von deren Tradition der Kopfjägerei stehend, zieht er sogleich über die „gnadenlosen Gutmenschen und Tugendterroristen“ her, die seinen Blick auf die Geschichte etwas erweitern könnten. Hier schimmert die Paranoia durch, welche die Deutschtümelei nicht nur, aber doch auch österreichischer Prägung kennzeichnet. Sie, diese österreichischen Deutschtümler, haben in ihrer verbohrten Beschränktheit das politische Klima der Habsburgermonarchie so lange vergiftet, bis die anderen Nationen aus dem für sie dazu gemachten „Völkerkerker“ ausbrachen; sie, diese österreichischen Deutschtümler katholischer Provenienz, haben die österreichische Republik wahnhaft zu einem zweiten, besseren, weil katholischen deutschen Staat machen wollen; sie, diese österreichischen Deutschtümler, sind jubelnd heim ins Reich geeilt und haben durch Reibepartien, wilde Arisierungen, Hasenjagden im Mühlviertel und zahlreiche ähnliche Aktionen der sadistischen Art nach Kräften zum Bestand dieses Reiches beigetragen. Und wann immer sie, diese österreichischen Deutschtümler vor den Scherbehaufen ihres volksgeistigen Treibens standen, riefen sie nach bewährtem Muster: „Haltet den Dieb!“.

Diese österreichischen Deutschtümler haben sich in ihrer Persönlichkeitsstruktur noch immer nicht geändert. Noch immer sehnen sie sich gemäß den Worten des völkischen Anwalts nach dem „was unseren Vorvätern heilig war“, noch immer halten sie „unsere Familie“ hoch als deren Zuchtmutter im LANZ-LIEBENFELSSCHEN Sinn62 von dem völkischen Anwalt Barbara ROSENKRANZ gepriesen wird, die mit ihren zehn Kindern „unseren Volkserhalt“ sichert, so dass die österreichischen Deutschtümler „nicht durch Zuwanderungsexperimente es anderen Völkern überlassen, unser Volk zu erhalten“. Und noch immer oder schon wieder wollen sie „zurückkehren zu einer patriotischen Haltung, die zunächst unsere eigenen Interessen goutiert und uns wappnet, kulturell gefeit zu sein, eine Herausforderung auch anzunehmen“. Vielleicht wieder durch das deutsche Turnen?

Diese österreichischen Deutschtümler sind noch immer gebrochene Persönlichkeiten, die „Teil des ‚Großen’“63  – eben des Phantamas der deutschen Nation – sein müssen, um sich „selbst groß“ fühlen zu können, denn wären sie „allein, auf sich gestellt“, so würden sie „zu einem Nichts zusammenschrumpfen“. Diese österreichischen Deutschtümler fühlen sich nur stark, wenn sie sich „einer Autorität unterwerfen und ein Teil von ihr werden“ können – beispielsweise als Mitglieder der Partei der Tüchtigen und Anständigen. Darum erlebt der österreichische Deutschtümler „eine Bedrohung der Autorität [...] als eine Bedrohung seiner selbst“. Somit ist er gezwungen, „gegen die Bedrohung des Autoritären ebenso zu kämpfen, wie er gegen die Bedrohung seines Lebens oder seiner Gesundheit kämpfen würde“, was mit den rumpelstilzchenhaften Reaktionen eines pseudonymen Klubobmannes wie eines einfachen Parteimitgliedes beispielhaft vorgeführt wurde, als ein außer durch Buchstabierkenntnisse weiters nicht nennenswert qualifizierter österreichischer Deutschtümler mit seinen Vorstellungen nicht so recht ankam.

Daran wird sich noch so lange nichts ändern, als die österreichischen Deutschtümler sich immer nur in der Zugehörigkeit zu einer Volksgemeinschaft bestätigt fühlen können und nicht durch den auf eigener Leistung und Anstrengung beruhenden persönlichen Erfolg – aber dann brauchten sie ja keine österreichischen Deutschtümler mehr sein.

Wien, am 21.7.2002

Über den Verfasser:
Prof. Dr. Anton Szanya ist Mitarbeiter am Österreichischen Volkshochschularchiv.

 


 

61 Die folgenden Zitate aus der Feuerrede Ewald STADLERS sind entnommen aus Der Standard vom 5. Juli 2002, S. 31, wo sie unter dem Titel „Das Feuer, das Volk, die Werte“ auszugsweise abgedruckt wurde.
62 „Gewiß wird [...] von der Zuchtmutter viel verlangt! [...] aber schließlich wird es dem asischen Weib dabei immer noch besser gehen, als es ihm jetzt geht. Es wird [...] sich der schönsten und edelsten Kinder erfreuen können, ihm werden künftige Geschlechter als der neuen verehrungswürdigsten und allerseligsten Gottesmutter Tempel und Denkmäler errichten [...]. Sonnenhaarige, himmelsäugige Götter und Göttinnen werden die leidvolle Zuchtmutter als ihre Schöpferin preisen und loben.“ (Jörg Lanz-Liebenfels: Rasse und Weib und seine Vorliebe für den Mann minderer Artung, in: Ostara, 21. Heft (März 1908). S. 15.)
63 Dieses und die folgenden Zitate sind entnommen aus Erich Fromm: Der revolutionäre Charakter (1963), in: Erich Fromm: Das Christusdogma und andere Essays (The Dogma of Christ and other Essays on Religion, Psychology, and Culture). München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1984. s. 120-121.

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