Das Leiden zwischen Schein und Sein

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von Dr. Anton Szanya

Widerstand Leistenden kurzerhand durch Irrenwärter abführen ließ. Sofort nach seiner Wahl begann LUEGER dann einen grundlegenden Staatsumbau. Die Österreichisch-Ungarische Monarchie wurde in zwanzig Nationalstaaten zerlegt, wobei man darauf achtete, einerseits sprachlich möglichst einheitliche Gebiete zu schaffen, die aber andererseits wirtschaftlich so leistungsfähig sein sollten, dass sie für ihren Verwaltungsaufwand selbst aufkommen können. So wurde beispielsweise das alte Königreich Böhmen in der Weise geteilt, dass das überwiegend von Tschechen besiedelte Kernland als Staat Böhmen konstituiert wurde, die überwiegend von Deutschen bewohnten Gebiete im Norden wurden zur Nordmark zusammengefasst. Die überwiegend deutschsprachigen Gebiete im Süden wurden an Oberösterreich beziehungsweise Niederösterreich angegliedert, die ihrerseits zur Ostmark vereinigt wurden. Alle diese Teilstaaten bildeten die Vereinigten Oststaaten, an die sich mittlerweile auch einzelne Balkanländer angeschlossen haben, so dass die Vereinigten Oststaaten bis zum Hafen von Saloniki reichen. Die Hauptstadt des gesamten Staatsverbandes ist weiterhin Wien, das zugleich auch die Hauptstadt der Ostmark ist. Die politischen Vertretungskörper sind berufsständisch gegliedert, da die verschiedenen Berufssparten in jeweilige Kammern – Handelskammer, Bauernkammer, Arbeiterkammer, Gewerbekammer und andere mehr – zusammengefasst sind, in die die Angehörigen dieser Berufszweige ihre Vertreter wählen.53 Die Kammern der einzelnen Nationalstaaten entsenden Vertreter in den Staatsrat, das gesetzgebende Organ des Nationalstaates. Die Staatsräte entsenden ihrerseits wieder Delegierte in den Staatenrat, das Parlament der Vereinigten Oststaaten.

Auch auf wirtschaftlichem Gebiet wurden umwälzende Reformen durchgeführt. Alle Großbetriebe wurden verstaatlicht. Das Geld wurde abgeschafft und durch sogenanntes Volksgeld ersetzt, das sind Anteilscheine auf am Gewinn der Staatsbetriebe, die auch aus dem Mehrertrag dieser Betriebe rückeingelöst werden können. Selbstverständlich gibt es auch keine Zinsen auf Geldkapital mehr.

So sehr sich der Erzähler gegenüber dem Polarforscher bemüht, das Bild eines harmonischen Staatswesens zu zeichnen, in dem alle sozialen Schichten und nationalen Gruppen friedlich und in Wohlstand zusammen leben, so sehr geht mit ihm die Leidenschaft durch, als die Sprache darauf kommt, wie denn die gewiss vorhandene Opposition gegen diesen Staatsumbau hat überwunden werden können. Plötzlich entpuppt sich dieser Staat als eine brutale, autoritäre Diktatur. „Wir haben aufgeräumt“, wird der Gast beschieden, „wer sich gegen den Staat vergeht, wird unerbittlich gehängt. “54 Wie aus den weiteren Erzählungen hervorgeht, ist man dabei nicht zimperlich umgegangen. „In Wien haben wir einmal dreihundert Juden und zwanzig Arier an einem Tag gehängt. Die Kerle hatten einen schwarzen Freitag präparieren wollen“, wurde dieses Vorgehen mit einer Anspielung auf den Börsenkrach des Jahres 1873 begründet.55  Verfolgt man die Ausführungen des Erzählers weiter, lässt sich erkennen, dass er in den Juden den Hauptfeind sieht. „In Wien half das sehr“, fährt er fort, „im Staate Polen und im Staate Ruthenien haben wir tausende hängen lassen müssen, bis alle Sünder einsahen, daß es ernst sei. Daß man das Raubtier erschlägt, wußten sie. Daß ein Raubmensch ebenso behandelt werden müsse, wollte den leider wenig erzogenen Juden und Genossen jener Staaten lange nicht einleuchten. Als sie es einsahen, ging alles leichter. Jetzt haben wir übrigens keine Juden mehr.“56 Auch das Problem der jüdischen Mädchenhändler konnte einer Lösung zugeführt werden, indem „einige tausend Galgen in Anspruch genommen“57 worden sind.

Überhaupt hat sich in den Vereinigten Oststaaten die allgemeine Sittlichkeit gehoben, seit dem man sich auch der jüdischen Kulturschaffenden entledigt hat. „Dieses Volk hat schlimmer als die Pest in den Ländern von weiland Österreich gehaust“, erinnert sich der Erzähler gegenüber seinem Gast. „Es hat jung und alt der ganz ordinären Unzucht künstlich zugetrieben, hat das Gefühl für Reinheit und Sitte systematisch untergraben. Syphilis und Scrophulose waren die Resultate, woran unser Volk ebenso sicher zugrunde gegangen wäre, als die Naturvölker der fremden Welttheile durch Schnaps und Unzucht, welche ihnen die Einwanderer stets zu bringen pflegen [...] Die Juden betrachteten sich bei uns auch immer als Einwanderer, als berechtigt, die Urbevölkerung zu einer dienenden Kaste zu machen.“58 Der Erzähler bediente sich bei dieser Darstellung des jahrhundertelang angewandten agitatorischen Kunstgriffs, die Juden als Fremde zu bezeichnen, um sie damit bei Bedarf um so leichter aus der bürgerlichen Gemeinschaft ausschließen zu können.

Im folgenden führt der Erzähler lang und beredt Klage darüber, wie sehr die Juden sich zu Herren über die christliche Bevölkerung aufgeschwungen hätten, wie sehr sie schmarotzerisch von Christen begründete Wohlfahrtseinrichtungen zum Schaden der christlichen Bedürftigen ausnützten, ja dass sie sogar versuchten, die Gerichtsbarkeit zu korrumpieren, wobei er mit beleidigenden Ausdrücken für sie nicht spart. Nachdem das christliche Volk, geduldig wie es ja ist, dem Treiben der Juden lange genug zugesehen hatte, setzt der Erzähler fort, hätte es sich letztendlich doch aufgerafft und sich zu einem lückenlosen Boykott der Juden entschlossen. „Einer nach dem anderen sagte Concurs an und verschwand aus Wien und schließlich zogen sie alle, alle fort. Eine fast unübersehbare Schar bewegte sich zum Staatsbahnhofe und dampfte nach Budapest ab“, schließt der Erzähler frohlockend seine Geschichte.59

Als letzte Maßnahme, seien dann auch noch die „Talmi-Christen“ und „Kryptojuden“, also zum Christentum übergetretene Juden vertrieben worden. „Wir kamen bald zu der Überzeugung“, erläutert der Erzähler diesbezüglich, „daß die Kryptojuden außer Möglichkeit gesetzt werden müßten, geistiges Gift den Zeitgenossen einzuimpfen. Wir reinigten darum die Universitäten, die Schulen.“60

Joseph SCHEICHERS Phantasien über die „Entjudung“ der Vereinigten Oststaaten sollten vierzig Jahre später schreckliche Wirklichkeit werden.

 


 

53 Die Vorstellungen eines derartigen Ständestaates sollten in der österreichischen Geschichte noch eine Verwirklichung erfahren.
54 Joseph Scheicher: Aus dem Jahre 1920, a. a. O. S. 61.
55 Joseph Scheicher: Aus dem Jahre 1920, a. a. O. S. 62.
56 Joseph Scheicher: Aus dem Jahre 1920, a. a. O. S. 62.
57 Joseph Scheicher: Aus dem Jahre 1920, a. a. O. S. 63.
58 Joseph Scheicher: Aus dem Jahre 1920, a. a. O. S. 63/64.
59 Joseph Scheicher: Aus dem Jahre 1920, a. a. O. S. 84.
60 Joseph Scheicher: Aus dem Jahre 1920, a. a. O. S. 88.

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