Das Leiden zwischen Schein und Sein

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von Dr. Anton Szanya

Nachleben

Im Jahr 1888 endete Georg SCHÖNERERS politische Laufbahn. Seine viermonatige Haft wegen des gewalttätigen Überfalls auf die Redaktion des »Neuen Wiener Tagblattes«, das daraufhin folgende jahrelange erzwungene Fernbleiben vom politischen Leben und seine Trunksucht schwächten ihn und damit auch seine Bewegung. Unter der Führung Karl LUEGERS und Victor ADLERS stießen Christlichsoziale und Sozialdemokraten in den politisch leer gewordenen Raum vor und verurteilten den im Jahr 1897 in den Reichsrat zurückkehrenden SCHÖNERER zu politischer Bedeutungslosigkeit. Vor allem Karl LUEGER gewann mit seiner Agitation gegen den „jüdischen Kapitalismus“, gegen die „Judenpresse“ und gegen die Wiener Moderne die Massen, welche zuvor SCHÖNERER angehangen waren.

Am 15. November 1903 wurde in Aussig (Ústí nad Labem) die Deutsche Arbeiterpartei gegründet. Auf ihrem ersten Parteitag im August 1904 in Trautenau (Trutnov) verabschiedete sie ein Programm, das in vielen Punkten die Forderungen des Linzer Programms des Jahres 188218 wieder aufnahm. Es wurden „Forderungen erhoben, die als Ziel der politischen Arbeit die Hebung und Befreiung des arbeitenden deutschen Volkes aus dem Zustand der wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Unerdrückung, die Schaffung von berufsgenossenschaftlichen Organisationen und den sozialen Aufstieg der Arbeiterschaft formulierten. Aus den ‚natürlichen’ Grenzen des Volkstums sollte auch eine nationale Abgrenzung der Volksgebiete abgeleitet werden. Die Partei wandte sich gegen ‚volksfeindliche’ und ‚fremdvölkische’ Einflüsse und forderte ein völkisches Schulwesen und eine ‚sittliche Volksordnung’. Das grundsätzliche Verständnis als alldeutsche Bewegung führte zur Forderung nach einer Zollgemeinschaft zwischen Deutschland und Österreich. Zur Weiterentwicklung der Demokratie sollte ein allgemeines, freies Wahlrecht, eine politische Selbstverwaltung sowie Rede- und Pressefreiheit beitragen.“19  Im Jahre 1918 benannte sich die Partei in Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei (DNSAP) um, im Laufe der zwanziger Jahre ging sie nach und nach in der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) auf.

Guido von List – der Theologe des Wotanismus

Im Jahre 1876 veröffentlichte Felix DAHN20 (1834 – 1912) den ersten Band seines monumentalen Romans »Ein Kampf um Rom«. Bis zum Jahr 1878 erschienen noch weitere drei Bände. Liebe und Hass, Treue und Verrat, Aufrichtigkeit und Ranküne lenkten in diesem literarischen Historiengemälde die Bedrängnis, den letzten Triumph, die Niederlage und die wunderbare Rettung der Reste des Gotenvolkes nach Thule in den Jahren vom Tode des Königs THEODERICH bis zur letzten Schlacht am Vesuv im Jahre 553. Mit diesem Roman prägte DAHN einerseits das Geschichtsbild von Generationen und vermittelte ihnen subtil den Stolz auf die Zugehörigkeit zur germanischen, soll heißen deutschen, Edelrasse und die Verachtung für die Verrottetheit und Verworfenheit des welschen, soll heißen christlich-katholischen, Wesens, zum anderen traf er auch genau die Stimmung des deutschen Bürgertums des jungen wilhelminischen Kaiserreichs, die ein seltsames Gemisch aus nationalem Stolz, überschäumendem Selbstbewusstsein, mythischen Sehnsüchten und morbider Todessehnsucht war. In immer neuen Auflagen brachte dieser Roman die Saiten des deutschen „Seelenklaviers“ immer wieder aufs neue zum Klingen.

Die Weltanschauung des Guido von List

Etwas mehr als ein Jahrzehnt nach dem Erscheinen des »Kampfes um Rom« trat in Österreich Guido LIST (1848 – 1919) in die Fußstapfen DAHNS. Im Jahre 1889 erschien sein zweibändiger Roman »Carnuntum«21 , worin er die Rückereroberung der von einer als verlottert und sittenlos beschriebenen Garnison gehaltenen Stadt Carnuntum im Jahre 375 und die Errichtung eines neuen germanischen Reiches auf österreichischem Boden durch die stets tapferen, kraftvollen und sittenstrengen Germanen schildert. Sechs Jahre später gelang LIST ein weiterer literarischer Erfolg mit dem Roman »Pipara«22, der vom Aufstieg eines Germanenmädchens aus der Gegend des heutigen Brünn (Brno) zur römischen Kaiserin erzählt. Über die Beweggründe für seine Schriftstellerei schrieb LIST im Vorwort zur zweiten Auflage: „Der Roman spielt in Pannonien, Norikum und im Markomannenreiche, in Dazien und in Rom [...] während die Hauptereignisse [...] im Gebiete des heutigen Deutsch-Österreich sich zutrugen. Darum ist der Roman »Pipara« in erster Beziehung ein Deutsch-Österreichischer Roman und – meinen Roman »Carnuntum« ausgenommen – der erste geschichtliche Roman aus Österreichs Vorzeit, also ein hochpatriotisches Werk.“23Dieser Begründung ließ LIST sodann sein „politisches Glaubensbekenntnis“ folgen, in dem er seinen österreichischen Patriotismus mit seiner Zugehhörigkeit zum deutschen Volkstum verband: „Ich bin ein Ario-Germane, ein Deutscher, ein Armanendichter, und [...] ein Ideal-Deutscher, der sich zu keiner politischen Partei bekennt und sich von keiner solchen, wie immer nahmenhabenden Partei als deren Angehöriger reklamieren läßt. Als solcher Ideal-Deutscher vergesse ich niemals, daß ich Wiener, Deutschösterreicher, Markomanne bin, und ich glaube an einen deutschen Volksgeist wie an einen Gott! Mein Deutschtum ist mir Religion.“24

 


 

18 Frank Wende (Hg.): Lexikon zur Geschichte der Parteien in Europa. Stuttgart: Kröner 1981. S. 457.
19 Gerhard Jagschitz: Die Nationalsozialistische Partei. In: Emerich Tálos, Herbert Dachs, Ernst Hanisch, Anton Staudinger (Hg.): Handbuch des politischen Systems Österreichs; Erste Republik 1918 – 1933. Wien: Manz 1995. S. 231-232.
20 Felix DAHN, Professor für deutsche Rechtsgeschichte, gilt als einer der herausragenden Vertreter des „Professorenromans“, einer literarischen Gattung von von dichterisch veranlagten Universitäts- und Gymnasialprofessoren verfassten historischen Romanen, „in denen angeblich historisch getreue Darstellung von Leben und Sitten der Vergangenheit oder fremder Kulturen die eigentl[lich] oft unwahrscheinliche, überspannt wirkende Handlung überwiegt und Gelehrsamkeit die dichterische Gestaltung zurückdrängt“. (Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. Stuttgart: Kröner 51969. S. 593, Stichwort „Professorenroman“.)
21 Guido List: Carnuntum; Historischer Roman aus dem 4. Jhd. n. Chr. 2 Bde. Berlin: Grot 1889.
22 Guido List: Pipara, die Germanin im Cäsarenpurpur; Historischer Roman aus dem 3. Jhd. n. Chr. 2 Bde Leipzig: Schulz 1895.
23 Guido List: Pipara; Geschichtlicher Roman aus Österreichs Vorzeit im dritten Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Wien: Österreichisches Verlags-Institut 21913. S. XXVII. (Hervorhebungen im Original fett.)
24 Guido List: Pipara, ebd. (Hervorhebungen im Original gesperrt.)

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