Das Leiden zwischen Schein und Sein

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von Dr. Anton Szanya

mit sprachlich gemischter Bevölkerung an mindestens einer Volksschule der Unterricht in deutscher Sprache erteilt und an allen Mittelschulen die deutsche Sprache als obligater Gegenstand gelehrt werde, wogegen kein Schüler zur Erlernung einer anderen, etwa landes- oder bezirksüblichen Sprache gezwungen werden kann; 6. daß sämtliche Staatsprüfungen und Rigorosen, sofern sie zur Erlangung einer Anstellung im Staats- oder Landesdienst berechtigen sollen, ausschließlich in deutscher Sprache abgelegt werden müssen.“ Auf diese Weise war die baldige Eindeutschung aller anderssprachigen Minderheiten zu erwarten, so dass der neue Länderverband in wenigen Jahrzehnten ein rein deutsches Sprach- und Kulturgebiet werden würde.

Dieses national vereinheitlichte, auf die deutschen Länder beschränkte Österreich sollte sodann in hohem Maß demokratisch regiert werden. Gemäß dem Abschnitt III wäre es „im Interesse des Volkes und es Staates gelegen, daß den Grundsätzen des Konstitutionalismus in vollstem Maße Rechnung getragen werde, und es ist demnach anzustreben, 7. daß die bestehende gekünstelte und ungerechte Interessenvertretung durch eine fortschreitende Erweiterung des Wahlrechtes sowie insbesondere durch Vermehrung der Abgeordnetenzahl für die Landgemeinden und durch Einführung der direkten Wahl mittels geheimer Abstimmung zu einer wahren Volksvertretung ausgestaltet werde [...]“ Folgerichtig schloss sich daran die Forderung nach der Beseitigung aller noch bestehenden Beschränkungen des Vereins- und Versammlungsrechts als auch der Pressefreiheit an und auch eine, zwar nicht ausdrücklich vorgebrachte, aber doch auch in ihrer Umschreibung erkennbare Forderung nach einer Trennung von Kirche und Staat, „da eine gute freisinnige Erziehung die Vorbedingung des dauernden Bestandes und der freiheitlichen Entwicklung des Staates ist“.

In seinem außenpolitischen Teil verlangte das Linzer Programm die „Erhaltung und dauernde Befestigung des Bündnisses mit dem Deutschen Reich durch einen Staatsvertrag“, um mit dieser Rückendeckung „die Entfaltung einer zielbewußten und kräftigen Orientpolitik“ betreiben zu können, dies zur „Wahrung der österreichischen Interessen an der unteren Donau und in den Balkanländern“.

Zusammenfassend ist über das Linzer Programm zu sagen: In seinen Forderungen nach einer Abschließung der deutschsprachigen von den anderssprachigen Ländern der Österreichisch-Ungarischen Monarchie und in seinem Bestreben, alle nichtdeutschen Sprachgruppen wie Tschechen, Slowenen oder Italiener einzudeutschen, ist es Ausdruck der tief sitzenden Unsicherheit der deutschnationalen Kreise in Österreich. Beruhigung erfährt diese Unsicherheit durch die mehrfach gewünschte Anlehnung an den großen deutschen Nachbarn, eine Möglichkeit des Ausgleichs durch Ausdehnungsphantasien gegenüber dem slawischen Osten.6

Deutschtum als Religion

Die Formulierungen des Linzer Programms waren der in eine nüchterne, staatsmännische Sprache gegossene Ausdruck starker, gleichsam religiöser Gefühle, mit denen Georg von SCHÖNERER und seine engeren Mitstreiter den Begriff des Deutschtums besetzt hatten. Bereits ein Jahr nach dem Linzer Programm schrieb die SCHÖNERER nahestehende Zeitung »Unverfälschte Deutsche Worte« unter dem Titel „Die Glaubensseite der neuen Religion des Deutschtums“: „Das Volkstum derer, die deutsch sind aus tiefstem Grunde [sei] ein vollwertiger Ersatz der Religion, freilich nicht in dem Sinne, als man darunter eine Mehrheit von Dogmen versteht, von deren Fürwahrhalten das Heil des Menschen abhängig ist. [...] Ein Hort der Sittlichkeit zu sein, dazu ist die deutsche Lebensanschauung berufen.“7

Auch in ihren Ausdruckformen nahm die Bewegung um Georg von SCHÖNERER zunehmend Züge einer Religionsgemeinschaft an. Fast alle Lebensbereiche der Schönerianer wurden von Vorschriften bestimmt: Nach außen zeigten sie bestimmte Erkennungszeichen wie die Kornblume, Runenzeichen oder die Grußformel „Heil“. Ihr Festkalender war bestimmt durch das Ostara- und das Julfest sowie die Gedenktage an die Schlacht im Teutoburger Wald und die Schlacht von Sedan. Im geschäftlichen und gesellschaftlichen Umgang wurde den Schönerianern nahegelegt, nur mit Deutschen zu verkehren und den Umgang mit Slawen und besonders mit Juden zu meiden. Vor der Eheschließung mussten die „arische“ Abstammung und die „biologische Gesundheit“ der Ehewilligen geprüft werden. Die Kinder erhielten deutsche Vornamen und wurden „nach alter deutscher Sitte“ – worin immer diese nun bestehen mochte – erzogen; vor allem der Bewahrung der Mädchen vor den Gefahren der Frauenemanzipation wurde große Aufmerksamkeit gewidmet, sollten sie doch zu „guten deutschen Müttern“ werden. Die Frauen durften sich nicht schminken und sollten einfache Kleider und Frisuren tragen. Die Jugend wurde darin unterwiesen, Verzicht zu üben und enthaltsam zu leben, um sich für die deutsche Nation gesund zu erhalten. Zu diesem Zwecke wurden auch Turnen und Gymnastik in frischer Luft gepflegt. Die Ernährung wurde überwiegend vegetarisch ausgerichtet, Getränke sollten alkoholfrei sein. Eine durchgehende Eindeutschung aller Fremdwörter sollte die Reinheit der deutschen Sprache bewahren. „Wer in strenger Selbstzucht und harter Pflichterfüllung aus sich selbst das denkbar Beste zu machen strebt, um diesen besseren Menschen in den Dienst seines Volkes zu stellen, der begeht eine deutsche Tat.“ – diese Worte aus den »Deutschen Hochschulstimmen aus der Ostmark«8 können als Leitmotiv für die Lebensführung der Schönerianer gelten.

Eine Vielzahl von Vereinen ließ sich die Pflege der verschiedenen Bereiche einer deutschen Kultur angelegen sein. Es gab da den Alldeutschen Verein für die

 


 

6 Das Linzer Programm fand in ungarischen und polnischen politischen Kreisen durchaus Zustimmung. Die Ungarn sahen darin die Möglichkeit einer weiteren Stärkung des Königreiches Ungarn. Die Polen konnten in einem selbständiger gewordenen Galizien die Plattform zur Schaffung eines eigenen polnischen Staates sehen. Gescheitert wären die Vorhaben des Linzer Programms gewiss am Widerstand der Tschechen und auch des Kaisers, der ohne Not keiner weiteren Zersplitterung der Monarchie zugestimmt hätte. Als SCHÖNERER im Jahre 1885 eigenmächtig den Absatz „Zur Durchführung der angestrebten Reformen ist die Beseitigung des jüdischen Einflusses auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens unerläßlich“ einfügte, wandten sich Victor ADLER und Heinrich FRIEDJUNG von SCHÖNERER ab. (Brigitte Hamann: Hitlers Wien, a. a. O. S. 346.)
7 Alois Tiller: Deutscher Sozialismus in den Sudentenländern und der Ostmark. Hamburg: Hanseatische Verlags Anstalt 21943. S. 53.
8 Deutsche Hochschulstimmen aus der Ostmark, 1.1.1910. S. 8.

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