Religiosität und Politischer Extremismus

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von Dr. Anton Szanya

DIE KRISE DER MODERNE

Der aggressive islamistische Fundamentalismus, wie er sich kürzlich in den Attentaten auf Bali am 13. 10. 2002 und dem Überfall auf ein Moskauer Theater am 23.10.2002 wieder gezeigt hat, wie auch die Einteilung der Staaten der Welt in „Schurkenstaaten“, die eine „Achse des Bösen“ bilden, und solchen, die es (noch) nicht sind, durch die Regierung der Vereinigten Staaten lassen die bange Frage aufsteigen, ob diejenigen, die das Projekt der Aufklärung und der Moderne für gescheitert erklären, vielleicht doch recht haben könnten. Sind alle diejenigen einem Irrtum erlegen, die meinten, mit der Verbreitung von Wissenschaft und Bildung könne der Irrationalismus, wie er sich in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts in den Gräueln der faschistischen Epoche gezeigt hat, zurückgedrängt, ja überwunden werden?

Es mag so scheinen. Hat doch schon vor einigen Jahren Adam SCHAFF die Möglichkeit eines solchen Irrtums eingeräumt als er schrieb: „Die Quelle des Irrtums steckt in der Überzeugung, dass wissenschaftliche Kenntnisse den ganzen Bereich menschlicher Interessen und Fragen erfassen. Dem ist selbstverständlich nicht so, denn die Wissenschaft und die von ihr vermittelten Kenntnisse sind nie absolut, sie haben immer ihre Grenzen, hinter denen der Bereich des Unwissens beginnt – sei es auch nur für eine Übergangszeit, weil ja die Entwicklung der menschlichen Kenntnis die Grenzen immer wieder verschiebt. Die wissenschaftliche Wahrheit hat also den Charakter eines endlosen Prozesses, der sich wie eine Hyperbel der Asymptote nähert und hinter dem sich immer eine gewisser ‚Rest’ verbirgt, der dem wissenschaftlichen Denken nicht zugänglich ist.“1

Dabei hat doch lange Jahre der Anschein bestanden, dass die Fragen nach diesem „Rest“ erledigt und überholt seien. Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die frühen siebziger Jahre schien den Beweis dafür zu liefern, dass dieser „Rest“ – die Fragen nach Wahrheit, die Suche nach einer gerechteren Gesellschaftsordnung und anderes mehr – nur unnützer Luxus gewesen war, der unnötige Kopfschmerzen verursacht hat. „Gesellschaftstheoreme wie die vom Anbrechen eines ‚postideologischen Zeitalters’, vom automatischen, unbegrenzten technischen Fortschritt, der als angeblich unpolitisch dargestellt wurde, und von der Beurteilung der Jugend als skeptische, das heißt nur erfolgsorientierte Generation waren damals sehr in Mode.“2charakterisierte Friedrich HACKER die damalige Zeit des „Wirtschaftswunders“.

Als die Träume von der unbegrenzt wachsenden Wirtschaft und des für alle möglichen Wohlstandes durch die Wirklichkeit der massenhaften Vernichtung von Arbeitsplätzen im Gefolge der sich immer neue Anwendungsbereiche erobernden Mikroelektronik und der immer drohender werdenden Umweltkatastrophe mit einem unsanften Erwachen endeten, wurde die Wissenschaft von der Hüterin der wunderbaren Gütervermehrung plötzlich zu eitlem Blendwerk. „Vorbei ist die Zeit der naiven Fortschrittsgläubigkeit“, bekannte der Kernphysiker Harald FRITZSCH in den frühen achtziger Jahren, „in der man glaubte, die Vermehrung unseres Wissens und eine immer weitergehende Beherrschung der Natur würden letztlich einen tieferen Sinn des Daseins vermitteln und von sich aus zu einer gerechteren Welt führen.“3

Die in dieser Äußerung mitschwingende Enttäuschung darüber, dass die Wissenschaft nicht das gehalten hat, was man sich von ihr versprochen hat, ist nur ein Ausdruck dessen, was als Krise der Moderne, Verlust der Werte und ähnliches mehr Thema des gesellschaftlichen Diskurses ist.

Die Moderne

Die Enttäuschung über die nicht gehaltenen Versprechen, die der Wissenschaft in den Mund gelegt worden waren, ist deshalb wohl so groß, weil in der Gegenwart das vor rund zweihundertfünfzig Jahren mit so viel Schwung begonnene Abenteuer der Aufklärung und der Moderne zu verebben scheint. Dabei hat alles so vielversprechend ausgesehen, als mit der Erhebung der Vernunft zur Richtschnur des Denkens und Handelns die völlige Umwandlung der Welt eingeleitet worden ist, die Max WEBER mit dem Wort von der „Entzauberung der Welt“4 charakterisiert hat.

Da wäre einmal die Profanierung der Kultur zu nennen, die sich darin zeigt, dass:

 


 

1 Adam Schaff: Wohin führt der Weg? Die gesellschaftlichen Folgen der zweiten industriellen Revolution. Wien, München, Zürich: Europa Verlag 1985. S. 173.
2 Friedrich Hacker: Das Faschismus-Syndrom; Psychoanalyse eines aktuellen Phänomens. Düsseldorf, Wien, New York: Econ Verlag 1990. S. 21.
3 Harald Fritzsch: Vom Urknall zum Zerfall; Die Welt zwischen Anfang und Ende. Zürich: Piper 1983. S. 330.
4 „Die zunehmende Intellektualisierung und Rationalisierung bedeutet also nicht eine zunehmende allgemeine Kenntnis der Lebensbedingungen, unter denen man steht. Sondern sie bedeutet etwas anderes: das Wissen davon oder den Glauben daran: daß es also prinzipiell keine geheimnisvollen unberechenbaren Mächte gebe, die da hineinspielen, daß man vielmehr alle Dinge – im Prinzip – durch Berechnen beherrschen könne. Das aber bedeutet: die Entzauberung der Welt.“ [Max Weber: Vom inneren Beruf zur Wissenschaft, in: Johannes Winckelmann (Hg.): Max Weber: Soziologie. Weltgeschichtliche Analysen. Politik. Stuttgart: Kröner 21956. S. 317. Hervorhebungen im Original.]

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