Buchbesprechungen II

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von Dr. Beate Hiltner-Hennenberg

Kleines deutsches Wörterbuch, herausgegeben von Florian Illies und Jörg Bong, Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2002.

Das Kleine deutsche Wörterbuch kommt zu einem günstigen Zeitpunkt auf den Markt, denn gerade hat das ZDF mit seiner groß angelegten und gut recherchierten DDR-Saga Liebesau – die andere Heimat Altbundesländler und Neubundesländler zur Sicht über den eigenen Tellerrand aufgefordert. Es sind vor allem Wortverbindungen, leere Hülsen des Sozialismus, der ja real nie existierte, über den man nun so grimmig lachen könnte, wäre man nicht selbst dabei gewesen. In kleinen oder mittleren Essays werden Sentenzen wie „Im Endeffekt“, Worte wie EOS, Altstoffsammlung oder Ampelmännchen noch einmal liebevoll aus der Versenkung geholt. Das berüchtigte „Das ist Fakt“ wurde zwar vergessen (wodurch man sich unwissentlich als Ossi outen konnte im Westen), kann aber in einer zweiten Auflage mal eingearbeitet werden.

Es ist Illies zu danken, dass er nicht nur Besserwessis die gedrechselten Skurrilitäten erklären lässt, sondern dass er die Autoren mischte. Dankenswerterweise wird die DDR bei dieser Entblätterung nicht banal vorgeführt, sondern es ist ein echtes Stück Arbeit, sich noch einmal mit ihr – durchaus intellektuell anspruchsvoll – zu beschäftigen.

Beate Hennenberg

Marlene Streeruwitz, Partygirl. Roman, Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2002.

Marlene Streeruwitzs derzeitige Produktivität ist bemerkenswert, nutzt sie doch das Vermögen, Alltäglichkeiten, Urlaubserlebnisse oder Forschungsreisen literarisch auf hohem Niveau umsetzen zu können. Es ist über einen neuen Roman von ihr zu berichten, der im kalten Herbst des Jahres 2000 spielt – in New York. Der Story ist in mehrere Rahmen verpackt, da gibt es vor allem Rückblicke auf eine österreichische Baden bei Wien, das den Knotenpunkt einer atemberaubenden Familiengeschichte darstellt. Streeruwitz’ typische Erzählweise, die verknappte Prosa, auf der schon mal Verb oder Subjekt in den Sätzen wegfallen, drängt das Geschehen nach vorn.

Beate Hennenberg

Stephan Stompor, Jüdisches Musik- und Theaterleben unter dem NS-Staat. Schriftenreihe des Europäischen Zentrums für Jüdische Musik Bd. 4, herausgegeben von Andor Izsák unter Mitwirkung von Susanne Borchers (=Europäisches Zentrum für Jüdische Musik 2001), Hannover 2001.

Studie über den Jüdischen Kulturbund

Von einem neuen wichtigen Buch, das sich mit dem Musik- und Theaterleben während der nationalsozialistischen Epoche beschäftigt, ist zu berichten. Vorweg: Es ist als gutes Zeichen zu sehen, dass sich in jüngster Zeit zahlreiche Publikationen unter so verschiedenen Blickwinkeln mit dieser Materie, die wohl auch in mehreren Jahren noch nicht end- und restgültig erforscht sein wird, beschäftigen.

Es gab jüngst die faktenreichen Darstellungen über exilierte Künstler und Musiker der Autorin Barbara von der Lühe (Die Emigration deutschsprachiger Musikschaffender in das britische Mandatsgebiet Palästina, Verlag Peter Lang, Frankfurt am Main1999 und Die Musik war unsere Rettung! Die deutschsprachigen Gründungsmitglieder des Palestine Orchestra, Verlag Mohr Siebeck, 1999) wie auch das Werk von Peter Peterson und Hanns-Werner Heister, Exil ist eine Krankheit (Arbeitsgruppe Exilmusik Hamburg, Lebenswege von Musikerinnen im Dritten Reich und im Exil, Verlag von Bockel, Hamburg 2000. Andreas Nachama beschäftigte sich mit Juden in Berlin (Verlag Henschel, Berlin 2001). Peter Schneider behandelte das Thema eines jüdischen Musikers (Und wenn wir nur eine Stunde gewinnen. Wie ein jüdischer Musiker die Nazi-Jahre überlebte, Verlag Rowohlt, Berlin 2001) eher belletristisch-biografisch. Allen Autoren ist eigen, dass sie dem Schlaf des Vergessens trotzen, dass sie die Menschen von heute aufzurütteln, sensibel zu machen versuchen.

Der Autor

Das Aufrütteln wie auch das Dokumentieren der damaligen Zustände unter den Kulturschaffenden der NS-Zeit anhand von Fakten ist auch das Hauptanliegen von Stephan Stompor (1931-1995). Der ehemalige Dramaturg an den Opernhäusern Leipzig und Berlin, der sich Zeit seines Lebens mit dem Bewahren von zu Unrecht vergessener Dokumente beschäftigte (er gab u.a. die Briefe Otto Klemperers heraus, weiterhin ein Autorenhandbuch und eine Schriftensammlung über das Musiktheater von Walter Felsenstein, Joachim Herz und Götz Friedrich), widmete einen bedeutenden Teil seiner Forschungstätigkeit der Verflechtung von Musiktheater und Politik in der NS-Zeit. Bereits 1994 erschien sein Buch Künstler im Exil als erster Teil einer thematischen Trilogie. Die anderen beiden Teile blieben unveröffentlicht, da Stompor zuvor seiner schweren Krankheit unterlag. Mit dem jetzt vorliegenden Buch ist der zweite Teil der Trilogie zugänglich. Ein umfangreiches Werk über das öffentliche Musiktheater im NS-Staat (sowie die Truppenbetreuung) und in der unmittelbaren Nachkriegszeit soll demnächst erscheinen. Es ist dies ein fast 1000-seitiges Manuskript, das zahlreiche ähnliche Bemühungen nicht nur in den Schatten, sondern vermutlich aufheben wird. Es sollte bald erscheinen, beschäftigen sich doch andernorts diverse Forschungseinrichtungen mit fast dem gleichen Thema, und Stompors Manuskript scheint mit Abstand das am gründlichsten recherchierte Material zu besitzen.

Zum Inhalt

Das Buch über die Kulturbund-Arbeit ist in zwei Hauptkapitel gegliedert. Es beinhaltet ein Kapitel zu Opernaufführungen innerhalb des Jüdischen Kulturbundes (Teil I), ein Kapitel zu den Improvisierten Opernaufführungen sowie Konzerten in Ghettos und Konzentrationslagern (Teil II) und einen großen Anhang, der sich beispielsweise den Mitgliedern in den Orchestern und Kammermusik-Ensembles im Ghetto Theresienstadt, denen der Lagerkapelle Buchenwald, des KZ Dachau, des Lagerorchesters Mauthausen, des Orchesters in Auschwitz I, denen des Orchesters Birkenau und des Frauen-Orchesters in Auschwitz-Birkenau widmet. Anmerkungen, ein Register und der Bildnachweis beschließen den überaus materialreichen Band.

Herausgaber Izsàk stellt bereits im Vorwort fest, dass „immer etwas Schleierhaftes über dem Gespräch herrscht, wenn jemand das Wort Kulturbund erwähnt. Man erstarrt und weiß eigentlich gar nicht, wie man sich fühlen soll“. Denn der Jüdische Kulturbund stellte, so wird bei Izsák ausgeführt, für viele Menschen das Symbol dar für die Beraubung der künstlerischen Freiheit, für die Zerstörung der menschlichen Existenz als gleichwertiger Kollege und Rivale in der Künstlergemeinschaft. Aber er hatte zunächst eine durchaus gemeinschaftsbildende, stabilisierende Wirkung.

Zeitzeuge Alfred Dreifuß hat ein Vorwort beigetragen. Er war bis Ende 1932 Dramaturg der Jungen Volksbühne in Berlin, an der er, Volljude, anstelle des Geisteswissenschaftlers nun als Beleuchter im Jüdischen Theater bis zu seiner Verhaftung 1935 arbeitete. Als er 1939 aus Buchenwald entlassen wurde, ging er ans Jüdische Kulturbundtheater in der Berliner Kommandantenstraße. Dann begannen seine Exiljahre. Dreifuß meint, dass die Erinnerung an die Kulturarbeit unter so schwierigen und ungewöhnlichen Bedingungen bewahrt werden muss. – Und Stompors Dokumentation ist ein Beitrag dazu. Er hat sich für die Vorarbeiten jahrelang in Archive vergraben, hat recherchiert, geprüft, verworfen, gegliedert, gedacht, konzipiert und geschrieben.

Musikalische Aufführungen 1933 bis 1939

Herausgekommen ist ein material- und dokumentenreiches Werk, dass die szenisch-musikalischen Aufführungen in Ghettos und Konzentrationslagern gründlich erforscht; basierend auf der Studie von Herbert Freeden, der 1964 die Geschichte des Jüdischen Kulturbundes und dessen Schauspielarbeit aus eigener Anschauung festhielt.

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