Der Zug der Lemminge

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von Rainer Ernst Schütz

Daß die Pensionsreform schmerzt, und insbesondere für meine Generation, das sind die kurz vor der Pensionierung stehenden Menschen, höchst unerfreuliche Veränderungen bringt, ist inzwischen wohl jedem Österreicher klar geworden.

Weit weniger klar scheint aber vielen Menschen zu sein, daß die möglichen Alternativen jedenfalls nicht die Möglichkeit beinhalten, so weiterzumachen wie bisher, oder nur schmerzlose Veränderungen vorzunehmen. Aber viele politi¬sche Kräfte tun so, als wäre eine sanfte Reform ohne einschneidende Ma߬nahmen nicht nur möglich, sondern auch gerechter als die vorgelegten Pläne.

Nun erschöpft sich die Frage nach der Gerechtigkeit einer Reform nicht nur in der Abwägung, ob diese Reform den Betroffenen zumutbar ist, ob sie lange genug erwartbar war, um die Lebensplanung danach einzurichten, und ob die erzeugten Schmerzen den Betroffenen erträglich erscheinen. Das sind alles wichtige Aspekte, sind aber auch im Lichte der Tatsache zu sehen, daß schon im Jahr 1984, also vor fast 20 Jahren, Umfrageergaben, daß zwei Drittel der Befragten nicht mehr an die Haltbarkeit des Pensionssystems glaubten.

Die viel wesentlichere Frage nach der Gerechtigkeit ist in einem umlage-finanzierten System die Frage nach dem Gerechtigkeitsempfinden derer, die die Pensionen finanzieren müssen; also den nachfolgenden Generationen. Denn diese müssen bereit sein, nicht nur Beiträge in gleicher Höhe wie bisher weiterzubezahlen, sondern auch noch bereit sein, sich mit Pensionen abzufinden, die einen Bruchteil der heute diskutierten Pensionen ausmachen.

Wenn heute in der allgemeinen Kritik an den vorliegenden Pensionsreform-vorschlägen bemängelt wird, daß durch die neuen Regelungen viele Betroffene nicht mehr 80 Prozent ihres Letztverdienstes erhalten werden, sondern nur siebzig Prozent, in krassen Fällen auch nur sechzig Prozent, dann muß man das nicht „der guten alten Zeit“ gegenüberstellen, sondern den Erwartungen der heute unter 50- Jährigen. Heute kommt ein Pensionsbezieher auf etwa drei Erwerbstätige, aber dieses Verhältnis wird sich bis etwa 2030 auf eins zu eins verändern. Das bedeutet nach Adam Riese bei gleichen Einzahlungen und gleichem Pensionsantrittsalter aber ein Drittel der Pensionshöhe, also etwa dreissig Prozent des Letztverdienstes.

Das heißt aber auch, daß man von der nachfolgenden Generation erwartet, weiter voll Beiträge zu zahlen, obwohl sie nur einen Bruchteil der heute üblichen Leistung beziehen kann. Und dabei ist es egal, ob man durch ein höheres Pensionsalter die Nettoersatzrate auf ein etwas höheres Niveau bringt: Die Pensionsleistung insgesamt kann eben nicht höher sein, als durch das Aufkommen zur Verfügung steht.

Und nicht genug damit; offenbar erwartet man darüberhinaus von dieser Generation auch noch Verständnis für die jetzt allerorten erhobenen Forderungen, die Auswirkungen der Reformvorschläge abzumildern. Aber was man den Älteren an Belastungen erspart, muß man den Jüngeren aufbürden. Oppositionsparteien, Gewerkschaften, große Teile der Regierungspartei FPÖ und sogar bemerkenswert viele Gruppen in der ÖVP übertreffen einander in der Empörung über die Schmerzen, die jener älteren Generation zugefügt werden sollen, die das Privileg hatte, ein Leben im Frieden zu verbringen und zudem trotz aller Reformen immerhin noch deutlich mehr an Pension erwarten zu können, als es die nachfolgende Generation erwarten können wird. All die Kritiker am Pensionsreformentwurf haben offensichtlich nur jene Menschen im Auge, die 50 Jahre und älter sind.

Ja, das ist derzeit noch die Mehrheit unter den Wahlberechtigten. Und SPÖ und FPÖ sind stark überalterte Parteien, bedienen mit ihrer Politik also ihre Klientel. Aber in der Bevölkerung haben die unter 50-Jährigen schon jetzt die Mehrheit, und diese Menschen werden noch in diesem Jahrzehnt die Mehrheit der Wahlberechtigten stellen. Ob all diese Wähler wirklich dankbar für die zusätzlichen Belastungen sein werden, die heute eifrige Funktionäre zugunsten der älteren Generation auf die Schultern der Jüngeren zu legen bemüht sind?

Es könnte sich herausstellen, daß diese Erwartung enttäuscht wird. Und die eifrigen Abschwächer der Härten der Reform könnten sich als Totengräber ihrer eigenen Parteien und Organisationen herausstellen. Denn der Generations¬wechsel kommt unaufhaltsam, und wieviel Verständnis für eine Politik gegen die eigenen Interessen aufgebracht wird, kann man gerade jetzt im Modell eins zu eins studieren. Die Lemminge sind unterwegs.

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